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Shinƍkƍshƍ
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Shinƍkƍshƍ (jap. 棫èŸČ淄敆, dt. „Schwertadel, Landwirtschaft, Handwerk, Handel“) bezeichnet das Vier-StĂ€nde-System im frĂŒh-neuzeitlichen Japan der Edo-Zeit, also die soziale und wirtschaftliche Ordnung zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert. Die Bevölkerung wurde je nach Beruf und Herkunft in 4 StĂ€nde aufgeteilt. Den obersten Stand bildete der Schwertadel (æ­ŠćŁ«, bushi), gefolgt von dem der Bauern (ç™Ÿć§“, hyakushƍ) und der Stadtbevölkerung (ç”șäșș, chƍnin), die sich wiederum aus Handwerkern und HĂ€ndlern zusammen setzte. Über dem System standen die Höflinge des Kaiserhofs in Kyoto und die religiösen Berufe, unter dem System die verschiedenen Pariagruppen (Buraku).

Contents

‱ Bauern
‱ Handwerker
‱ Kaufleute
‱ Die Idee
‱ Höflinge
‱ Pariagruppen
‱ Literatur

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Schwertadel

Hauptartikel: Samurai

Dieser Schicht, auch bekannt als Samurai, gehörten die Vasallen der FĂŒhrungselite, aber auch die LehnsfĂŒrsten (Daimyƍ) und der Shƍgun selbst an. Zusammen bildeten die Samurai kaum mehr als 6 % der Gesamtbevölkerung.cite-ref-1[1] Sie waren die politische und kulturelle Elite in der japanischen FrĂŒhen Neuzeit und standen in der Vier-StĂ€nde-Ordnung an oberster Stelle. Ihr Gehalt, das in der Regel in Reis bemessen wurde, bezogen sie von ihrem Lehnsherren, dem sie zur Treue verpflichtet waren. Nur selten wurde ihnen eigenes Land zugesprochen, von dessen Ertrag sie dann die gesamte Familie und die Bediensteten ernĂ€hren mussten. Sie waren verpflichtet in stĂ€dtischen Quartieren zu leben, so entweder in der Burgstadt des Lehnsherren oder aber in den UnterkĂŒnften seiner Residenz in Edo. Samurai-Familien und ihre Bediensteten machten demnach einen beachtlichen Teil der Stadtbevölkerung aus.

Der Schwertadel ist aus einem Stand von Wehrbauern hervorgegangen und erst durch die zahlreichen Verordnungen der Tokugawa-Regierung sind sie zur herrschenden Klasse aufgestiegen. Ihre Privilegien bestanden unter anderem darin, dass sie als einzige Gesellschaftsschicht Familiennamen haben und zwei Schwerter, ein Langschwert (Katana) und ein Kurzschwert (Wakizashi), tragen durften. Dadurch hoben sie sich auch Ă€ußerlich am markantesten von der breiten Masse ab. Sie allein besaßen politisch-administrative Befugnisse. Registriert waren Angehörige des Schwertadels in Gruppen als Gefolgsleute von Lehnsherren. Der Zugang zu dieser Schicht sollte zwar durch Geburt stark begrenzt bleiben, geschickte Heiratspolitik ermöglichte es aber spĂ€ter BĂŒrgern auch in diese Schicht aufzusteigen.

Besonders in der Anfangszeit der Tokugawa-Herrschaft gab es auch unter den Samurai noch erhebliche und genau zu beachtende Standesunterschiede. So wurde zum Beispiel differenziert, ob ein Samurai einem Daimyƍ oder aber dem Shƍgun diente. Bis auf die ganz oberste Schicht vollfĂŒhrten Samurai eher unzureichend bezahlte Routineaufgaben, die zwar Zeit fĂŒr Weiterbildungen und VergnĂŒgungen ließen, viele aber dazu zwangen, sich zusĂ€tzlich als Lehrer oder KleinhĂ€ndler zu betĂ€tigen.

Durch die nach Beginn der Tokugawa-Herrschaft eintretende Friedenszeit stieg die LebensqualitĂ€t rasch an. WĂ€hrend dieser gesamten Periode aber bezogen Samurai trotz steigender und fallender Reispreise immer das gleiche Einkommen. Die Verordnungen des Bakufu, der Regierung unter dem Shƍgun, zur Einhaltung von standesgemĂ€ĂŸer LebensfĂŒhrung (ć€č玄什, Ken’yakurei) trieb besonders diese Schicht sehr schnell in wirtschaftliche Notlagen, sodass sich viele Familien und selbst die reichsten FĂŒrstentĂŒmer (han) schon bald bei den aufsteigenden Kaufleuten hoch verschuldeten.

Bauern

Die Bauern (ç™Ÿć§“, hyakushƍ) machten mit fast 80 % den grĂ¶ĂŸten Teil der Gesamtbevölkerung aus. Sie standen nach konfuzianischen Auffassungen an zweiter Stelle in der Gesellschaft und nahmen somit eine deutlich höhere Position ein, als es in Europa der Fall war. Das ist nur logisch, erzielten sie doch das Einkommen fĂŒr den Schwertadel, dem eigentlich jegliche wirtschaftliche ErwerbstĂ€tigkeit untersagt war. Auch waren sie deshalb der Stadtbevölkerung ĂŒbergeordnet, da sie eben durch die Reisproduktion fĂŒr das Steueraufkommen des Staates einen sehr viel höheren gesellschaftlichen Nutzen hatten.

Zur Landwirtschaft (èŸČ, nƍ) gehörte aber nicht nur der Anbau von Reis, sondern die Ausbeutung sĂ€mtlicher natĂŒrlicher Ressourcen, also auch die Erzeugung bzw. Gewinnung von Produkten wie Fisch, Seetang oder Holzkohle. Ebenso gehörte die Herstellung von Stoffen und Garnen zum Aufgabengebiet dieser Schicht, wobei letzteres eher von den Frauen ĂŒbernommen wurde.

Organisiert war die bĂ€uerliche Bevölkerung in zahlreichen Dörfern (mura), deren Bewohner, wie unter den Samurai auch ĂŒblich, in eine Ober- und Unterschicht eingeteilt waren. Zur dörflichen Oberschicht gehörten vor allem einige wohlhabende Grundbesitzer, die, im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung, teilweise gut gebildet waren. Meist als Dorfvorsteher tĂ€tig, regelten sie die Abgabe von Steuern, die Organisation von zu erbringenden Frondiensten und sorgten vor allem fĂŒr Ruhe und Ordnung. Die Mehrheit der lĂ€ndlichen Bevölkerung aber war als Kleinbauer, PĂ€chter oder Landarbeiter tĂ€tig. Sie standen unter einer strikten Kontrolle. So waren zum Beispiel Zusammenrottungen, direkte Eingaben an höhere Beamte oder gar Aufruhr strengstens untersagt.

Der Bauernstand war trotz seiner relativ hohen Stellung in der Gesellschaftsordnung mit am stĂ€rksten durch die Anti-Luxus-Gesetze betroffen. Die Verbote waren genauer, und selbst ihre Sprache war merklich unfreundlicher. Sie durften, wie die Stadtbevölkerung auch, keine Familiennamen haben und keine Waffen tragen. Jeglicher Luxus in Kleidung, Wohnung und auch ErnĂ€hrung war ihnen untersagt. Sie durften lediglich Leinwand oder Baumwolle tragen, mit Ausnahme des DorfĂ€ltesten, dem grobe Seide zugesprochen wurde, und die Restriktionen gingen in spĂ€teren Jahren sogar so weit, dass ein Schnittmuster fĂŒr ihre Kleidung vorgeschrieben war, um Stoff zu sparen.

Was die ErnĂ€hrung anging, so durften sie in den meisten Regionen, außer an bon (Totenfest), Neujahr oder zu anderen besonderen Gelegenheiten ĂŒberhaupt keinen Reis essen und hatten sich von Gerste, Hirse, BlattgemĂŒse oder RĂŒben zu ernĂ€hren. In schlechten Erntejahren gab es sogar zusĂ€tzliche Verbote, die das Herstellen und Konsumieren von Sake, Nudeln, KlĂ¶ĂŸen, Tofu oder Ă€hnlichem betrafen.

Um die ProduktivitĂ€t zu steigern, war es in einigen Gebieten ĂŒblich, Bauern den Zugang zur Bildung zu verschließen. So war in Sendai sogar der Verkauf von BĂŒchern verboten. Zudem durften Bauern in der Regel keine RingkĂ€mpfe oder Theater besuchen. Sie hatten jeden Tag auf dem Feld zu sein und wurden sogar angehalten, sich von ihren Frauen zu trennen, wenn diese faul waren oder einen Hang zu ĂŒbermĂ€ĂŸigem Luxus hatten.

Stadtbevölkerung

Zur Stadtbevölkerung (ç”șäșș, chƍnin) zĂ€hlten vor allem Handwerker und Kaufleute. Auch sie waren, Ă€hnlich wie Samurai und Bauern, nicht als Individuen, sondern als Nachbarschaftsgruppen registriert und wurden von einem vom Herrn der Burgstadt bevollmĂ€chtigten Beamten beaufsichtigt. Unter ihnen wurde nicht immer zwischen zwei Klassen unterschieden. Meist wurden sie lediglich als nicht-Samuraibevölkerung der StĂ€dte zusammengefasst. In der frĂŒhen Edo-Zeit spielten sie allerdings noch eine zahlenmĂ€ĂŸig geringe Rolle.

In den bĂŒrgerlichen Haushalten herrschte ein ebenso strenges Regiment wie in denen des Schwertadels. Die Angestellten waren auch hier ihren Hausherren zu strengstem Gehorsam verpflichtet, ein Vergehen konnte sogar bis zur Todesstrafe fĂŒhren. Die BĂŒrger der StĂ€dte hatten Ă€hnlichen Vorschriften zu folgen wie die Bauern. Sie hatten keine Familiennamen und durften auch keine Waffen tragen. Zudem war es ihnen untersagt, Land zu besitzen.

Die BĂŒrger fanden in der Wirtschaftsordnung des shinƍkƍshƍ den grĂ¶ĂŸten Vorteil. Sie waren in ihrer Existenz zwar keineswegs gesichert, hatten aber gelernt, dies zu ihrem Vorteil zu nutzen. Gerade ihr schnelles Aufsteigen fĂŒhrte zu den immer umfangreicher werdenden Ken’yakurei, den Anti-Luxus-Gesetzen, die alle Klassen betrafen. Schon bald lag nicht nur das stĂ€dtische Wirtschaftsleben, sondern auch das kulturelle Leben in ihren HĂ€nden.

Handwerker

Da sie nach konfuzianischen Wertvorstellungen einen höheren gesellschaftlichen Nutzen hatten, standen sie in der Gesellschaftsordnung noch ĂŒber den Kaufleuten. Zum Handwerk (ć·„, kƍ) zĂ€hlten aber nicht nur die klassischen Handwerksberufe, auch Ärzte gehörten diesem Stand an, wobei diese anfangs eher „Arzt aus Erfahrung“ waren.cite-ref-barth-1979-2-0[2] Erst in der Meiwa-Ära, Mitte des 18. Jahrhunderts, entwickelte sich daraus mit der GrĂŒndung des Igakukan (ćŒ»ć­Šé€š), des Instituts fĂŒr medizinische Studien, ein Studiengang.

Handwerker standen meistens in einem bestimmten DienstverhĂ€ltnis zu den HĂ€usern der bushi, fĂŒr die sie verschiedene Arbeiten verrichteten. Geregelt wurde das VerhĂ€ltnis durch so genannte oyabun. Diese waren fĂŒr die Lieferung von ArbeitskrĂ€ften fĂŒr private, aber auch fĂŒr öffentliche Arbeiten zustĂ€ndig.

Handwerkliche FĂ€higkeiten wurden in der Regel von einer Generation an die nĂ€chste weitergegeben. Man musste den Beruf des Vaters erlernen und es war beinahe unmöglich aus dem Familienbetrieb auszusteigen. SelbststĂ€ndigkeit konnte nur erlangt werden, wenn man sich vom Vater oder vom Ă€ltesten Bruder zum Oberhaupt einer Haupt- oder Zweigfamilie ernennen ließ.

Man unterschied unter den Handwerkern nochmal jene, die in der Burgstadt ein Haus hatten (ć±…è·, ishoku), das Haus verlassende Handwerker (ć‡ș職, deshoku), wie zum Beispiel Zimmermann oder Maurer, und so genannte „Umherziehende“, die keinen festen Wohnsitz hatten (æžĄă‚Š, watari).

Kaufleute

HĂ€ndler bildeten die unterste Schicht der Gesellschaft in der japanischen FrĂŒhen Neuzeit. Da Japaner vor Beginn der Friedenszeit aber kaum Möglichkeiten zu eigenstĂ€ndiger wirtschaftlicher BetĂ€tigung hatten, wurde die Rolle der HĂ€ndler vom bakufu enorm unterschĂ€tzt und sie fanden kaum Beachtung in den Vorschriften und Verordnungen. NatĂŒrlich unterlagen auch sie gewissen EinschrĂ€nkungen, so durften sie zum Beispiel nur in HĂ€usern mit maximal einem Obergeschoss wohnen und keine kostbaren HaushaltsgerĂ€te besitzen. Sie lebten, wie Handwerker auch, getrennt von den Samurai, in Vierteln zusammen mit gleichen Berufsgruppen. Ansonsten hatten sie aber vergleichsweise viele Freiheiten und somit auch die Möglichkeit durch eigene Leistung zu Wohlstand zu gelangen.

Die Idee

In den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts gelang es dem Daimyƍ Toyotomi Hideyoshi, Japan unter seiner Herrschaft zu vereinen. Durch scharfe Kontrollen und Überwachung sowie durch die Beseitigung der stĂ€dtischen Selbstverwaltungsrechte setzte er eine starke Zentralgewalt durch und versuchte so, die feudalen Strukturen zu stabilisieren. Nach Hideyoshis Tod kam Tokugawa Ieyasu an die Macht. Dieser ließ sich 1603 zum Shƍgun ernennen und knĂŒpfte an die sozialen und ökonomischen Maßnahmen des Hideyoshi an. Das Tokugawa-Regime versuchte die Gesellschaft zu immobilisieren und einzufrieren.

Nach der Einigung Japans wurde das Land in FĂŒrstentĂŒmer, so genannte han, aufgeteilt, die von LehnsfĂŒrsten (Daimyƍ) regiert wurden. Ein han war ein kleiner autonomer Staat mit einem eigenen politischen und wirtschaftlichen System. Über den LehnsfĂŒrsten stand nur der Shƍgun selbst, ihm waren sie und alle ihre Untergebenen zu Treue verpflichtet. Mittelpunkt eines jeden han war die Burgstadt, die Residenz des Daimyƍ, um die sich Samurai, Handwerker und Kaufleute zu versammeln hatten. Diese Aufteilung half bei der Errichtung einer Hierarchie, in der jede Gruppe eine selbstverwaltende Einheit war.cite-ref-3[3] Entscheidend in diesem neuen System war die Position und Funktion des Einzelnen und wie der Staat seine Macht auf diese ausĂŒbte. Danach wurde man zuerst nach Status und dann nach Gruppe beurteilt, wodurch jeder Person eine feste Position in der Gesellschaft zukam, erst im familiĂ€ren Kontext, dann im beruflichen Umfeld. So wurde eine willkĂŒrliche MachtausĂŒbung auf den Einzelnen weitestgehend unterbunden; zugleich wurde der gesamte Verwaltungsapparat unpersönlicher, und der Einzelne bekam eine objektivere Sichtweise auf die Praktiken der Regierung. Hall nennt dies bezeichnend rule by status.cite-ref-4[4]

WidersprĂŒche

Das Vier-StĂ€nde-System beruhte auf alten konfuzianischen Wertvorstellungen, die sich bereits 2000 Jahre zuvor in China entwickelt hatten. Es sollte eine Analogie zu Natur und Kosmos darstellen: „Die Relation von Himmel und Erde – dem natĂŒrlichen ‚oben‘ und ‚unten‘ – entsprach so die Beziehung von Herrscher und Volk“.cite-ref-5[5] WidersprĂŒche zeigten sich aber schon sehr bald nach der EinfĂŒhrung dieses Systems. Nach 1700 setzte eine lange Zeit der wirtschaftlichen Krise und Stagnation ein, das Einkommen des Schwertadels aber, das ja in festgelegten Reismengen bemessen wurde, konnte sich an die sich verĂ€ndernden UmstĂ€nde nicht anpassen. Ihr Einkommen blieb wĂ€hrend der gesamten Tokugawa-Zeit, also beinahe 300 Jahre lang, gleich. Ihr Handwerk, nĂ€mlich der Krieg, brachte ihnen nach dem Eintreten der Friedenszeit nichts mehr ein. Andererseits durften sie keine eigenen wirtschaftlichen Unternehmungen durchfĂŒhren. So kam es, dass sich Samurai nach und nach bei den Kaufleuten der StĂ€dte verschuldeten. Diese konnten nĂ€mlich ihren Vorteil aus der Vier-StĂ€nde-Ordnung ziehen. Vom Shƍgunat kaum beachtet, nutzten sie die in der Geschichte des Landes erstmalige Möglichkeit zur freien BetĂ€tigung. Vermutlich hatte in den vorangegangenen Jahrhunderten neben dem Krieger das ĂŒbrige Volk ĂŒberhaupt keine Rolle gespielt,cite-ref-barth-1979-2-1[2] sodass die Regierung bei der EinfĂŒhrung des Systems die Auswirkungen der freien Wirtschaft massiv unterschĂ€tzte.

HĂ€ndler und Kaufleute gelangten schon bald nach Beginn der Friedenszeit zu einem fĂŒr die Position des Standes sehr beachtlichen Wohlstand und sie fingen an, sich auch kulturell fortzubilden. Ihr Lebensstandard erhöhte sich so sehr, dass er dem der bushi schon bald kaum noch nach stand, ihn, wenn anfangs auch nur vereinzelt, sogar ĂŒbertraf. Das war der FĂŒhrungselite natĂŒrlich ein Dorn im Auge, und die Gesetze zur standesgemĂ€ĂŸen LebensfĂŒhrung (Ken’yakurei) wurden eingefĂŒhrt. Sie bezogen sich auf alle Bereiche des Lebens. In ihnen wurden Material, Farbe und Schnittmuster der Kleidung, die Ausstattung des Haushalts, Architektur, erlaubte Lebensmittel, sogar die Ausstattung von Puppen im Theater festgelegt. Mit Voranschreiten des Wohlstands aber machten sich viele Kaufleute immer weniger aus den sich mehrenden Verordnungen. Sie zogen sich in die VergnĂŒgungsviertel der StĂ€dte zurĂŒck, in denen die Anti-Luxus-Gesetze keine GĂŒltigkeit hatten und sie gemĂ€ĂŸ ihrem Einkommen leben konnten.

Ein großes Problem der Ken’yakurei war vor allem, dass sie nicht nur nach oben einschrĂ€nkten, also besagten, man solle nicht ĂŒber seinem Stand leben, sondern auch implizierten, dass man nicht darunter leben solle. Besonders fĂŒr den Schwertadel stellten die ansteigenden Lebenshaltungskosten deshalb eine große finanzielle HĂŒrde dar. Sie waren nun gezwungen, Kredite bei reichen Kaufleuten aufzunehmen, und es soll Quellen geben, die behaupten, dass allein die Verschuldung der Daimyƍ das Hundertfache der umlaufenden Geldmittel ausmachte. Zu erklĂ€ren ist die hohe Verschuldung vor allem dadurch, dass die Daimyƍ in der Regel zwei Haushalte fĂŒhrten, einen in ihrer eigenen Burgstadt und einen in Edo.cite-ref-6[6] Zudem waren sie fĂŒr den Bau von Schulen, die Ausbesserung der Verkehrswege und andere derartige Unterfangen in ihren Lehen zustĂ€ndig.

Einige BĂŒrger, die der Regierung gegenĂŒber besondere Dienste geleistet hatten, durften teilweise sogar Familiennamen haben und ebenfalls zwei Schwerter tragen. Nach und nach verschwanden die starren Grenzen zwischen den vier StĂ€nden – nicht zuletzt auch durch geschickte Heiratspolitik, die aber sehr bald wieder von der Regierung unterbunden wurde. Denn besonders in den 80er Jahren des 17. Jahrhunderts ließen sich reiche BĂŒrger gegen große Summen Geld in Samuraifamilien adoptieren, um selber welche zu werden. Ein reges Auf- und Absteigen innerhalb der Klassen hatte begonnen, denn auch einige niedere Samurai beschlossen nicht selten, ihren Adelsstatus und damit ein Leben am Existenzminimum aufzugeben und BĂŒrger zu werden.

Die WidersprĂŒche dieser Vier-StĂ€nde-Ideologie und der gesellschaftlichen RealitĂ€t wurden sehr schnell deutlich. So gab es in jeder Schicht sowohl reiche als auch arme Vertreter und die LebensqualitĂ€t, aber auch die Bildung des Einzelnen, wurde eher von ökonomischen Kriterien als von der Position in der Gesellschaftshierarchie bestimmt. Die vier StĂ€nde gaben also lediglich die gesellschaftliche WertschĂ€tzung wieder, denn selbst ein wohlverdienender HĂ€ndler stand noch unter dem Ă€rmsten Samurai und musste diesen seines Standes angemessen behandeln.

NatĂŒrlich brachte diese Gesellschaftsform auch positive Dinge mit sich: Die Techniken in der Landwirtschaft zum Beispiel verbesserten sich stetig und brachten die lĂ€ndliche Gemeinde relativ schnell von einer auf den Eigenbedarf konzentrierten zu einer auf Nachfrage basierenden Agrarwirtschaft. Zudem gilt die Edo-Zeit als eine der grĂ¶ĂŸten BlĂŒtezeiten der japanischen Kulturgeschichte.

Jenseits von shinƍkƍshƍ

Die unter dem Begriff Shinƍkƍshƍ erfassten vier StĂ€nde und ihre gesellschaftliche Stellung lĂ€sst einige Gruppen völlig außer Acht. Dazu gehören zum einen die Höflinge (kuge), die Angehörigen des Kaiserhauses, sowie buddhistische Mönche und Shintƍ-Priester, die nach traditionellen Vorstellungen ĂŒber der Gesellschaft existierten.

Zum anderen vernachlĂ€ssigt es aber auch die breite Schicht der Bediensteten in stĂ€dtischen Haushalten und GeschĂ€ften, Tagelöhner, wie zum Beispiel Wanderarbeiter, Schau- und UnterhaltungskĂŒnstler, die Bewohner und Akteure der VergnĂŒgungs- und Bordellviertel, die allein schon 2 % der Bevölkerung ausmachten, sowie natĂŒrlich die breite Schicht der Pariagruppen, der Ausgestoßenen (Buraku). Vorzufinden waren sie vor allem im Raum Kyƍto und Westjapan.

Was die Schau- und UnterhaltungskĂŒnstler angeht, so sind nicht gerade die großen Stars des Kabuki und Puppentheater reprĂ€sentativ fĂŒr diese Schicht. Die niedrige Position im StĂ€ndesystem bezieht sich viel mehr auf die vielen StraßenkĂŒnstler, Gaukler, GeschichtenerzĂ€hler, TĂ€nzerinnen und Wahrsager. Ihre TĂ€tigkeit wurde oft mit Bettelei gleichgesetzt, wodurch sie den Hinin nahe gestellt wurden.

Höflinge

Hauptartikel: Kuge

Über dem Shinƍkƍshƍ standen die Kuge, die Adligen des Hofes in Kyƍto, die bereits im 11. Jahrhundert ihre Macht eingebĂŒĂŸt hatten, aber immer noch eine zeremonielle Funktion erfĂŒllten.

Zu ihnen gehörten rund 70 Familien, die mit dem Kaiserhaus durch Blutsverwandtschaft oder aus Tradition verbunden waren. Auch hier gab es, wie in den anderen Schichten, eine innere Hierarchie. Die Ämter, die diese Familien bekleideten, waren allerdings nur noch rein formeller Natur und kamen nur dann zum Tragen, wenn sie TĂ€tigkeiten innerhalb des Hofes betrafen.

WĂ€hrend der gesamten Tokugawa-Herrschaft hatten sie, ebenso wie der Kaiser (Tennƍ) selbst, keinen Einfluss auf das politische Geschehen. Es war ihnen untersagt, sich unter das Volk zu mischen oder gar bestimmte Stadtteile zu betreten, und so lebten sie fast völlig getrennt von der ĂŒbrigen Gesellschaft.

Ebenso wie der Schwertadel bekamen auch die Höflinge je nach Stellung ein festes Gehalt zugeschrieben. Dadurch waren sie wirtschaftlich meist kaum besser gestellt als der Großteil der direkten Vasallen des Shƍgun (Hatamoto) und sie gaben in der Regel zusĂ€tzlich Unterricht in der Dichtkunst und in der Kalligraphie.

Pariagruppen

Hauptartikel: Buraku

Die Ausgrenzung von ganzen Personengruppen aus der Gesellschaft hat in Japan eine lange Tradition. Die Ursachen liegen nicht zuletzt in der Einteilung der Gesellschaft in vier StĂ€nde. Nach der hinter diesem System stehenden Ideologie des Konfuzianismus und auch des Buddhismus galt man als „unrein“, wenn man zum Beispiel beruflich in irgendeiner Form mit dem Tod zu tun hatte. Auch ĂŒber diese Gruppen wurden umfangreiche Register gefĂŒhrt, sodass das Problem der Diskriminierung bis heute andauert.

Auch wenn der Begriff Eta-Hinin heute gerne zusammenfassend fĂŒr Ausgestoßene in der Edo-Zeit benutzt wird, so gab es doch bedeutende Unterschiede fĂŒr die Angehörigen dieser Gruppen.

Eta

Eta (穹怚, dt. „viel Schmutz“) waren all diejenigen, die vor allem mit der Ledergewinnung und -verarbeitung zu tun hatten. Deutlich wird das in der ursprĂŒnglichen Bezeichnung Kawata, was Lederarbeiter heißt. Sie waren aber nicht nur ausschließlich dort tĂ€tig, sondern gingen auch Diensten im Strafvollzug sowie anderen als unrein oder verpönt geltenden Arbeitsfeldern nach. Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert hatten sie vor allem die Pflicht, Tierkadaver zu beseitigen. Es war im Grunde, wie die Lederproduktion auch, ein ihnen von der Obrigkeit zugebilligtes Monopolgewerbe.cite-ref-7[7]

Entwickelt hat sich dieser Stand vermutlich aus den Ă€rmsten Teilen der Bevölkerung. Sie mussten in besonderen Dörfern oder Vierteln außerhalb der StĂ€dte leben. Auch die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe beruhte auf strikter Erblichkeit und die innere Ordnung entsprach wieder dem hierarchischen Modell. So gab es in jedem Dorf einen Ältesten, ĂŒber denen Danzaemon, das „Oberhaupt der Eta“ (Etagashira), stand. Ähnlich wie die LehnsfĂŒrsten musste er in Edo residieren und war direkt dem Shƍgunat verantwortlich, besaß aber auch, besonders fĂŒr einen Ausgestoßenen, beachtlichen materiellen Reichtum.

Die Diskriminierung dieser Gruppe war zu Beginn der Tokugawa-Herrschaft noch nicht sehr fortgeschritten. Erst Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der Begriff Eta gebrÀuchlich und war 1657 sogar erstmals in einem Rechtstext der Regierung zu lesen.cite-ref-8[8] Besonders ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden Kawata von weiten Teilen der Bevölkerung stark diskriminiert und durch zahlreiche Sondergesetze schikaniert. Eta wurde in dieser Zeit zu einem gÀngigen Begriff in offiziellen Dokumenten. Angehörige bezeichneten sich allerdings weiterhin als Kawata.

Besonders erwĂ€hnenswert fĂŒr den Status der Kawata sind die regionalen Varianten dieses Berufsfeldes. Laut Oomscite-ref-9[9] konnten Bauern in einigen Gebieten Tiere schlachten oder sogar als JĂ€ger tĂ€tig sein, ohne sich dabei zu „verschmutzen“. In einigen Gebieten in Nord-Ost-Japan soll es sogar keine Ausgestoßenengemeinden gegeben haben, obwohl es auch dort ein produktives Lederverarbeitungsgewerbe gab. Dieses Beispiel zeigt, dass es auch im geeinten Japan nach EinfĂŒhrung des Shinƍkƍshƍ kein einheitliches System gab.

Hinin

Hinin (非äșș, dt. „Nicht-Menschen“) waren verurteilte Kriminelle, Behinderte, Blinde, Leprakranke und solche, die von ihren Familien verstoßen wurden. Es gab sogar einige wenige, die dieses Leben selbst gewĂ€hlt hatten. Auch Hinin lebten zusammen mit den Kawata in gesonderten Vierteln oder Dörfern außerhalb der StĂ€dte. Es handelte sich um eine völlig verarmte Unterschicht, die ĂŒberwiegend durch Bettelei existierte, aber auch die UnterhaltungskĂŒnste sowie klassische Kawata-Aufgaben wie das Begraben von Toten und das HĂ€uten von Tieren zu ihrem Aufgabenspektrum zĂ€hlte.

Der bedeutendste Unterschied zu den Kawata lag darin, dass man den Hinin-Status unter gewissen UmstĂ€nden wieder verlassen konnte. Dies galt allerdings nicht fĂŒr diejenigen, die in diesen Stand hinein geboren wurden oder diesem schon lĂ€nger als zehn Jahre angehörten. Die Anderen konnten mit Genehmigung der Familie und Behörden wieder in den Stand des BĂŒrgers aufsteigen.

Wie alle anderen Statusgruppen, war auch diese sehr gut organisiert. Sie hatten regionale FĂŒhrer, denen sie zu Gehorsam verpflichtet waren, die ihnen aber wiederum Arbeit verschaffen konnten und sie außerdem bei Behörden vertraten. Auch sie kamen an den strengen Vorschriften zur Kleidung und Lebenshaltung nicht vorbei, die ihren niedrigen Gesellschaftsstatus deutlich machen und somit zur Aufrechterhaltung der StĂ€ndeordnung beitragen sollten.

Nach der Meiji-Restauration

1869 wurde das Shinƍkƍshƍ im Rahmen der Meiji-Restauration abgeschafft. Bauern, HĂ€ndler und Handwerker wurden zu normalen BĂŒrgern. Eta und Hinin erhielten ebenfalls die StaatsbĂŒrgerschaft, wurden allerdings mit einem Stempel als „NeubĂŒrger“ gekennzeichnet. Kuge und Samurai wurden zu den Kazoku, einem neuen Adelsstand zusammengefasst, der sich am englischen Peerage-System orientierte.

Artikel 14 der geltenden japanischen Verfassung verbietet ausdrĂŒcklich jede Form von Adel und bestimmt, dass alle staatlichen Orden und Auszeichnungen keine Wirkung fĂŒr die nĂ€chste Generation haben dĂŒrfen.

Literatur

‱ Johannes Barth: Edo. Geschichte einer Stadt und einer Epoche Japans. Tƍkyƍ, Deutsche Gesellschaft fĂŒr Natur- und Völkerkunde Ostasiens (OAG) und Japanisch-Deutsche Gesellschaft e. V. 1979 (Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Band LXXVI) S. 183–189
‱ John K. Fairbank, Edwin O. Reischauer, Albert M. Craig: East Asia. Tradition and Transformation. Houghton Mifflin Company und Charles E. Tuttle Company, Boston, Tƍkyƍ 1976, S. 392–435
‱ Gerald Groemer: The Creation of the Edo Outcaste Order, in: Journal of Japanese Studies Vol. 27, Nr. 2, (Sommer, 2001) S. 263–293
‱ John W. Hall: Rule by Status in Tokugawa Japan, in: Journal of Japanese Studies Vol. 1, Nr. 1, (Herbst, 1974) S. 39–49
‱ Herman Ooms: Tokugawa Village Practice. Class, Status, Power, Law. University California Press, Berkeley, Los Angeles, London 1996
‱ Renate Ruttkowski: Von der Altsteinzeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, in: Hans JĂŒrgen Mayer, Manfred Pohl (Hrsg.): LĂ€nderbericht Japan. Geographie, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, S. 54–65
‱ Donald H. Shivley: Sumptuary Regulation and Status in Early Tokugawa Japan, in: Harvard Journal of Asiatic Studies Vol. 25, (1964–1965) S. 123–164
‱ Klaus Vollmer: Vorstellungen und Grundlagen gesellschaftlicher Ordnung in Ostasien, in: Sepp Linhart, Susanne Weigelin-Schwiedrzik (Hrsg.): Edition Weltregionen. Band 10: Ostasien 1600–1900. Geschichte und Gesellschaft. Promedia Verlag, Wien 2004, S. 115–138

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Fairbank 1976
cite-note-barth-1979-22. ↑ Barth 1979
cite-note-33. ↑ Hall 1974
cite-note-44. ↑ Hall 1974:44
cite-note-55. ↑ Vollmer 2004:119
cite-note-66. ↑ Das FĂŒhren von zwei Haushalten war noch ein Überrest aus den vorangegangenen Jahrzehnten. Es diente vor allem zur Kontrolle der LehnsfĂŒrsten, die einmal in zwei Jahren mit ihren Vasallen in die Hauptstadt reisen mussten. So wurden sie wirtschaftlich geschwĂ€cht und die Gefahr einer Revolte vermindert. Dieses „PhĂ€nomen“ nannte sich Sankin kƍtai.
cite-note-77. ↑ Vollmer 2004:122
cite-note-88. ↑ Groemer 2001:267
cite-note-99. ↑ Ooms 1996:275